Einführung

zur Eröffnung der Ausstellung
Clemens Krauss "Kontinuitäten"
am 5. August 2007

Christian Thöner, Kunstverein Augsburg

Liebe Kunstfreunde, liebe Mitglieder des Kunstvereins Augsburg,

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Clemens Krauss ist 1979 in Graz geboren. Seine künstlerische Ausbildung absolvierte er an der Universität der Künste in Berlin und am renommierten Central St. Martins College in London. Wer ihn in den vergangen Jahren in Ausstellungen erleben wollte, musste viel reisen. Vertreten war er unter anderem im Stedelijk Museum in Gent, in der Berlinischen Galerie - dem Landesmuseum für moderne Kunst in Berlin -, im Heidelberger Kunstverein, in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt sowie im Museu Paço das Artes in São Paulo, Brasilien. Darüber hinaus fanden die Arbeiten von Clemens Krauss auch auf großen internationalen Kunstmessen Anklang.

Krauss hat Erfolg. Viel Erfolg für jemanden, der - wenn man es anders und nüchtern betrachtet - gerade einmal sein Studium abgeschlossen und vor nicht allzu langer Zeit die Kunstbühne und den sie dominierenden Kunstmarkt betreten hat.

Woran liegt es?
An der Qualität der Arbeit allein?
Am generellen Hype der Malerei, die tausendmal totgesagt zum tausendsten Mal auferstanden ist - kräftiger als je zuvor?
Daran, dass Clemens Krauss - vielleicht auch zufällig - zur richtigen Zeit, die richtigen Arbeiten ins Rennen geschickt hat?
Oder daran, dass er das Glück hatte, schnell einen Galeristen zu finden, der sich erfolgreich und unermüdlich aktiv um seine Karriere bemüht?

Zunächst ist das egal.

Nicht egal, sondern von für Krauss und für sein Schaffen von essenzieller Bedeutung, hingegen ist die Frage des Umgangs mit diesem - von ihm auch so empfundenen - Erfolg. Denn eines ist klar: Der vermeintliche Erfolg birgt für den Künstler immer die Gefahr, sich vom seinem Weg abringen zu lassen. "Die Chance zu verhuren", formulierte Clemens in einem Gespräch, das wir nach dem Ausstellungsaufbau führten, sehr plakativ aber treffend, "ist doch recht groß."

Das klingt zunächst und vordergründig einmal so, als ginge es um eine Frage der Moral. Das tut es aber nicht. Es geht Clemens Krauss vielmehr um Ernsthaftigkeit - darum, beharrlich zu bleiben, dran an der eigenen Position (an den eigenen Bildkonzepten), diese immer wieder zu überprüfen, zu festigen, aber auch weiterzuentwickeln. Es geht ihm um Kontinuität.

Ein Prozess der Desensibilisierung gegen eine ungewollte - naturgemäß ökonomisch determinierte - Beeinflussung durch den Kunstmarkt und seine Gesetze scheint im Streben nach Kontinuität in der künstlerischen Arbeit unabdingbar. Dieser beinhaltet auch eine intensive Auseinandersetzung mit der Problematik im Umgang mit Trends und folglich Gegentrends.

Bisweilen verweigert sich Krauss dem Kunstmarkt mit - wie er selbst sagt - fast "zickenhaftem Gehabe", wenn er z. B. über drei Wochen permanent in einer - wohl bemerkt kommerziellen - Galerie arbeitet, um eine ebenso dreiwöchige Ausstellung mit unverkäuflichen Wandarbeiten hervorzubringen, die anschließend wieder zerstört werden.

Welche Rolle spielt in diesem Kontext die Ausstellung im Augsburger Kunstverein, die ja sogar unter dem Titel "Kontinuitäten" steht?

Mit seiner ersten Einzelausstellung in einen deutschen Kunstverein - worüber wir uns sehr freuen - ermöglicht Krauss - sich und uns - innerhalb seiner Arbeit einen Rückblick ebenso wie einen Ausblick.
Der Rückblick ist hier natürlich keineswegs als Retrospektive zu verstehen - das wäre angesichts der kurzen Schaffensphase lächerlich - sondern als Reflexion auf das bisher Entstandene. So werden in der Ausstellung letztlich ältere Malereien auf Leinwand in Bezug zu aktuellen Arbeiten sowie - als Ausblick - zu Szenarien künftiger Bildkonzepte gebracht. Krauss bietet dieses Vorgehen die Möglichkeit, sozusagen "die eigene Arbeit durch die eigene Arbeit zu behandeln". Es ist für ihn spannend, Ideen gegeneinander zu stellen, um zu sehen, ob und wie sich daraus wieder Neues entwickelt. Und ebenso um auszuloten, inwieweit es ihm gelingt, aus dem in den vergangenen Jahren Erarbeiteten, wirklich neue Arbeiten hervorgehen zu lassen. Denn darin zeigt sich Kontinuität.

Die Ausstellung konzentriert sich bewusst und für Krauss - der sich in den vergangenen drei Jahren immer zwischen der klassischen Malerei und ihren konzeptionellen Anwendungen bewegte - als Herausforderung auf das Medium Malerei auf Leinwand. Neben der Entscheidung für die Technik spielt die Wahl des Formats die zweite Hauptrolle. Für die Präsentation im Holbeinhaus wurden vier ausgewählte Arbeiten, die von Leihgebern dankenswerterweise zur Verfügung gestellt wurden, noch einmal gemalt - mal größer, mal kleiner; mal ein Hochformat als Querformat, mal umgekehrt - aber stets im Sinne der aktuellen Bildkonzepte reorganisiert. Wie wirken sich diese Formatunterschiede aus? Ist ein großes Format schwieriger zu bewältigen als ein kleines? Wirken sich die reinen Formatunterschiede - neben der Konsumierbarkeit - auch auf die Rezipierbarkeit aus? Inwieweit funktionieren bestehende Bildkonzepte in der Reorganisierung noch erfolgreich?

Es ist ein Experiment. Ein spannendes. Und darin, solche Spielräume offenzuhalten, liegt schließlich eine der originären Aufgaben eines Kunstvereins wie des Kunstvereins Augsburg.

Aber wenden wir uns der Arbeit von Clemens Krauss nun etwas unmittelbarer zu: 
Das zentrale Interesse seiner Arbeit gilt dem menschlichen Individuum im Kontext gegenwärtiger politischer, sozialer und psychologischer Rahmenbedingung. Dem (menschlichen) Körper. (Davon, dass dieses Interesse auch von seinem naturwissenschaftlicher Hintergrund  geleitet ist, ist durchaus auszugehen: Krauss absolvierte zunächst zügig ein Medizinstudium und arbeitete anschließend ein Jahr in einer Klinik, bevor er sich ganz der Kunst zuwandte.)

Seit 2004 arbeitet Krauss daher an der Werkgruppe "Das Körperkörper-Problem", zu der alle gezeigten Arbeiten gehören, mit Ausnahme der im Eingangsraum gezeigten Fotografien (Doch auf diese wird später gesondert eingegangen). Das grundlegende Motiv dieser Arbeiten wiederholt sich: anonyme Figuren auf völlig weißem Hintergrund, auf dem - bei genauer Betrachtung - weiß auf weiß immer wieder Schrift hervorkommt - eine gezielte Auswahl von Texten bzw. Textfragmenten aus der Sammlung des Künstlers mit Bezug zum Dargestellten. Die Figuren scheinen junge Männer zu sein, Weiße, vielleicht Westeuropäer. Ihre Kleidung ist schlicht. Sie tragen wohl T-Shirt und Hose, die Einheitskleidung der globalen Jugend. Der extrem pastose Farbauftrag verleiht ihren Körpern materielle Substanz und lässt sie aus der Leinwand hervortreten. Doch gleichzeitig sind die Körper fragmentarisch und unabgeschlossen. Die Haut, eigentlich Trennung zwischen innen und außen, wirkt fließend, das Fleisch springt einem förmlich entgegen. Durch die grobe Verschmelzung der Farbe, geben auch die Gesichter der Figuren nichts zu erkennen, bleiben in der Anonymität. Sie werden somit, wie Clemens Krauss es ausdrückt, zu "Identitäten ohne individuelle Identität".

Sogar die Identität desjenigen, der für die Arbeiten Modell steht, bleibt verborgen - nämlich die des Künstlers selbst.

Dieses performative Element  ist für die Arbeit von Clemens Krauss grundlegend. Tereza de Arruda bezeichnete ihn daher als "Performer, der malt" und "Konzeptualist, der performt". Krauss übernimmt die Rolle des Schauspielers, der verschiedene menschliche Gesten vorführt - Gesten die meist politisch motiviert sind, etwa von Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Die Vorbilder zu seinen Rollen entnimmt Krauss dem Bilderpool gegenwärtiger Medien und überführt so die Situation und Aneignung medialer Wahrnehmung in einen malerischen Prozess. Indem er die vorgefundenen Posen - die immer direkte Verweise auf eine Situation sind, die sich woanders abspielt oder abgespielt hat - nachstellt, sie rekonstruiert und vor allem rekombiniert,  um sie anschließend wieder in die Körperlichkeit seiner Malerei zu übertragen, vollzieht er einen entscheidenden Transformationsprozess. Das malerische Motiv ist letztlich das Ergebnis der Übernahme und Bearbeitung von verschiedenen Charakteren, die miteinander fusioniert werden. Er entzieht die Körper dem ursprünglichen Kontext und stellt sie mit anderen Körpern in einen neuen Zusammenhang. Dabei liegt sein Fokus primär darauf, zu sehen, was mit einem isolierten Körper in der Masse geschieht. Oder genauer: auf der Frage nach den Verbindungen zu und den Zwischenverbindungen innerhalb der umgebenden Körper. Die umgebenden Körper dürfen in diesem Zusammenhang durchaus nicht nur als spezifische Wesen, sondern auch als Systeme begriffen werden: etwa als politische Körper, als soziologische Körper oder auch als kulturelle Körper.

Die Ästhetik, welche die Arbeiten von Clemens Krauss entwickelt, ist durchaus subversiv. Aus dem Kontext genommen und mit anderen Posen in einem neuen Kontext auf die Leinwand gebannt, verkehrt sich eine ursprünglich brutale Geste schnell zur sportlichen Pose.

Dieses subversive Potenzial ist bei den neuen Arbeiten - die hier gezeigten entstanden ausnahmslos für die Ausstellung im Kunstverein - nicht minder ausgeprägt als bei den früheren. Das Prinzip ist beibehalten, die Perspektive wurde teilweise um 90° zur Aufsicht gedreht. Durch die Drehung sind die Körper eigenartigerweise auch wieder vollständiger geworden, die Verkürzung des Körpers in der Aufsicht hebt den Eindruck fehlender Gliedmaßen nahezu auf.

Zeigen sich in den früheren Arbeiten die Körper noch in der Ansicht, bieten sie dem Betrachter die Option sich selbst als Teil des Settings zu verstehen, so versetzen die neuen Arbeiten den Betrachter - aus meiner Sicht - in die Position dessen, der Macht und Kontrolle ausübt oder zumindest ausüben könnte. Ein Gedanke, der vielleicht im Ursprung der "Chromosomes", wie diese Arbeiten innerhalb der Serie das Körperkörper-Problems betitelt sind, seine Bestätigung findet: Clemens Krauss entwickelte das Konzept während eines Arbeitsaufenthalts in São Paulo Anfang des Jahres, angeregt von dem Eindruck, dass Körper in São Paulo alltäglich von oben wahrgenommen werden. Helikopter sind in der Stadt ein gängiges und viel genutztes Verkehrmittel derer, die es sich leisten können. In ihm kam dadurch ein Gefühl ständiger Überwachung auf.  

Was in diesem Zusammenhang sichtbar wird, ist die Bedeutung des "Herumkommens" für die Arbeit von Clemens Krauss.
Clemens kommt immer herum. Die letzten Jahre verbrachte er in Berlin und London, Atelieraufenthalte führten ihn u. a. nach Asien.

"Herumkommen" ist Leben und Arbeiten an verschiedenen Orten. Das kann nicht bedeuten, nur die gewohnte Arbeit an einen anderen Ort zu machen. Insofern nutzt Clemens die anderen sozialen und politischen Ordnungen, die anderen Sprachen sowie andere wirtschaftliche Bedingungen und moralische Traditionen, um neue Aspekte der eigenen Arbeit und Person herauszuarbeiten.

Das klingt wie eine Randnotiz, ist es aber nicht. Denn es bringt uns nun - zum Schluss meiner Ausführungen - zu dem Raum, der von uns konzeptionell eigentlich als "Prolog" gedacht ist.

Sie werden sich vielleicht gefragt haben, was denn die Fotoarbeiten im Erdgeschoss mit dem Rest der Ausstellung zu tun haben. Darum, zu zeigen, dass der Künstler auch noch fotografieren kann, geht es uns nicht. Dann hätten wir die Arbeiten gewiss nicht präsentiert.

In diesem Raum geht es zum einen um Folgendes: um Identität.

Diese konstituiert sich zunächst dadurch, dass körperliche Individuen durch z. B. sexuelle, kulturelle oder politisch-historische Faktoren Identität formen.

Zum anderen geht es um Destabilisierung von Identität.

Die Fotografien der Serie "Look-alikes", die Clemens Krauss eigentlich nicht als abgeschlossenes Werk sieht, sondern parallel zu seiner künstlerischen Arbeit betreibt, zeigen Personen, die nicht miteinander verwandt sind. Sie leben in unterschiedlichen Städten, meist sogar in unterschiedlichen Ländern. Und wahrscheinlich haben sie sich auch noch nie im Leben gesehen. Dennoch gleichen sie sich zum Teil, als wären sie geklont. Diese Übereinstimmungen in den Physiognomien sind aber reiner Zufall.
Hier stehen also in erster Linie die Frage der Einmaligkeit des Menschen und die Stabilität des Individuums im genetischen Zeitalter zur Debatte.

Die Frage von Identität und ihrer Destabilisierung spielt sich aber auch in den anderen hier gezeigten Arbeiten auf Leinwand ab. Nur die Mittel sind andere. Sie erfolgt in der Malerei durch Zerstörung, durch das Unkenntlichmachen von Gesichtern.

Die "Look-alikes" spielen für Clemens Krauss jedoch noch eine ganz andere, persönliche Rolle: Dadurch, dass er die "Doppelgänger" von Personen, die er gut kennt, zufällig an anderen Orten in anderen sozialen Zusammenhängen kennen gelernt hat, ist die Serie für ihn zu einer Art Tagebuch des ?Herumkommens? geworden.

Wir wünschen Clemens Krauss, dass er noch viel herum kommt, und uns allen, dass wir in der Folge noch viele neue Arbeiten von ihm zu sehen bekommen. Vielen Dank!    

Christian Thöner, 5. August 2007